Kapelle im Oberdorf

Die Kapelle im Oberdorf

Es war in der Zeit nach dem schrecklichen 30-jährigen Krieg. Da lebte am südlichen Ende von Nattenhausen ein armer Zimmermann, der für elf Kinder und eine kranke Frau sorgen musste. Als nun die Frau auf den Tod darniederlag und der Mann in seiner Sorge nicht mehr Rat und Hilfe wusste, gab er Gott das Gelübde, er werde zu Ehren der Mutter Gottes eine Kapelle erbauen, wenn seine Frau wieder gesund würde. Die Frau genas wirklich, aber die Not blieb, so verging Jahr um Jahr, ohne dass der Zimmermann sein Versprechen einlösen konnte. Er starb schließlich eines plötzlichen Todes und nahm sein unerfülltes Versprechen mit ins Grab. Die ältesten Kinder waren mittlerweile schon in der Lage, ihr Brot selbst zu verdienen und darüber hinaus noch etwas zum Unterhalt der kleinen Geschwister beizusteuern, so dass die Witwe wenigstens der größten Sorge enthoben war.

Aber das Lachen hatte keine Heimstatt mehr im Zimmermannshaus; denn allnächtlich ging ein Seufzen und Stöhnen durch die Räume. Oftmals schrie das jüngste Kind entsetzlich auf, weil es eine geisterhafte Gestalt durch die Stube schweben sah. Die anderen hörten zwar die Klagetöne, konnten aber den Geist nicht sehen. Sie wussten freilich, dass es nur der tote Vater sein konnte, der aus irgendeinem Grund im Grab keine Ruhe fand. In ihrer Angst ging die Zimmermannswitwe schließlich schweren Herzens zum Ortsgeistlichen, einem Prämonstratenserpater aus Roggenburg. Dieser gab den Rat, das jüngste Kind solle den Geist fragen, was man für ihn tun könne. Dies geschah, und sofort dankte der Geist für die Frage, die den Bann gebrochen hatte. Er erzählte nun, auch für die anderen hörbar, dass er seinen Verspruch nicht eingelöst habe und deshalb umgehen müsse, bis die Kapelle erbaut wäre. Schon am nächsten Tag gingen die Söhne an den Bau der hölzernen Kapelle, die bald fertig war. Von dieser Zeit an kam der Geist nie wieder.

Um dieselbe Zeit fand man im Waldteil „Butzenwinkel“ ein Marienbild, das die Schweden irgendwo geraubt und dort weggeworfen hatten. Es war, obwohl es jahrelang im Freien gelegen hatte, völlig unversehrt geblieben. Die Nattenhauser errichteten am Altbach in der Nähe der Salzsteig eine Säule mit einer Nische und stellten das Bild darin auf.

Jahrzehnte später betete einmal in der von den Zimmermannssöhnen errichteten Holzkapelle ein Kind mit seiner Mutter. Plötzlich zeigte das Kleine auf einen leeren Fleck an der Wand und rief: „Mami, schau nur das schöne Bild!“ Die Mutter wunderte sich, denn sie konnte nichts sehen. Das Kind aber beschrieb das Bild so genau, dass die Mutter erkannte, es müsse die Mutter Gottes in der Säulennische am Altbach sein. Die Mutter eilte mit ihrem Mädchen heim und berichtete von dem Erlebnis im Oberdorf. Alt und jung, groß und klein zog betend in Prozession zur Bildsäule und dann mit dem Marienbild zur Kapelle. Hier fand das Bild seinen Platz an der Stelle, an der das Kind die Erscheinung erblickt hatte. Bald galt das Bild Mariens als wundertätig. Nach und nach kamen aus der ganzen Umgebung Pilger und manche Votivtafel erzählt von Gebetserhörungen. Fast zweihundert Jahre lang stand die hölzerne Kapelle. Im Jahre 1830 wurde sie von den Geschwistern Rittler in ihrer heutigen Form gebaut. Aber Wallfahrtsort ist sie nicht geblieben. Doch findet sich immer wieder eine freundliche Hand, die das Bild der Gottesmutter mit Blumen ziert.