Die Geschichte von Breitenthal

Beschreibung der Pfarrei

Die Pfarrei Breitenthal war seit alter Zeit als Stiftungsort dem Kloster Roggenburg unterstellt. Dies geht aus einer „Bulle“ (Schreiben) des Papstes Innozenz IV. aus dem Jahre 1248 hervor, in welchem der Ort „Braittenthal“ als Filialkirche von Roggenburg bezeichnet wird.

Die Beziehungen zwischen Stift und Untertan waren nicht selten durch Streitigkeiten sehr belastet. Seit eh und je zeigten sich die Breitenthaler unruhig und klosterfeindlich. 1756-1758 stritten sie mit Roggenburg wegen der Erbauung des Mesnerhauses und 1765 weigerten sie sich hartnäckig auf Befehl des Klosters die Glocken zum Tode Kaiser Franz I. zu läuten. 1780 erklärte der Breitenthaler Schmied in aller Öffentlichkeit, Prälat und Oberamtmann seien „ein Spitzbub wie der andere“; 1785 aber sagte gar Breitenthals Bürgermeister und „Heiligenpfleger“ (Kirchenpfleger) gegenüber Roggenburger Verordnungen, „er sch.... auf diese Befehle.“ Nach der Säkularisation 1803 war die Kirche noch Eigentum des Staates, der zugleich die Unterhaltspflicht besaß. Um das Jahr 1877 schüttelte der Staat jedoch diese Pflicht ab und wies Pfarrhof und Kirche der Kirchengemeinde zu.

Die alte Pfarrkirche
Über die Bauzeit, Größe und Stilart der alten Kirche ist leider nichts mehr bekannt. Ob diese Kirche im Jahre 1785 wegen Baufälligkeit oder weil sie zu klein war, abgebrochen wurde, ist ebenfalls nicht mehr festzustellen. Wahrscheinlich wollte Abt Gilbert Scheuerle, der sehr baulustig war, eine neue, schöne und größere Kirche der Gemeinde bauen, wofür ihm die folgenden Generationen großen Dank schulden. Es wird von mehreren Sachverständigen angenommen, dass auf dem Gemälde über der Orgelempore in der heutigen Kirche das Bild der alten Pfarrkirche dargestellt sei. Daß die alte Kirche viel kleiner war und dass sie höher stand, ist aus nachfolgendem Umstand als wahrscheinlich anzunehmen: Bei einer Abgrabung im Zuge der Erweiterung des Friedhofes im Jahre 1900/1901 stieß man auf die alte Kirchenhofmauer und zwar nur wenige Meter von der heutigen Kirche entfernt. Damit dürfte der Beweis erbracht sein, dass zum Bau der heutigen Kirche der spitze Berg abgehoben und der Bauplatz erweitert wurde.
 
Die neue Pfarrkirche
Am 16. Dezember 1783 wurde Abt Gilbert Scheuerle zum 23. Abt des Klosters Roggenburg gewählt. Er war in früherer Zeit auch Pfarrvikar in Breitenthal. Er baute in den sechs Jahren seiner Amtszeit mehrere Kirchen und sonstige Gebäude, darunter auch die Kirche in Breitenthal, von Grund aus neu. Die Kirche ist gebaut im frühklassizistischen Stil (auch Empire-Stil genannt). Der Hochaltar ist, nach den vorliegenden Unterlagen zu schließen, mittlerweile schon zum 4. Mal neu aufgestellt worden. Nach mündlicher Überlieferung waren die ersten beiden Hochaltäre von prächtiger Schönheit. Näheres darüber ist einem Bericht des Pfarrers Perkhammer an das Ordinariat aus dem Jahre 1857 zu entnehmen:

„Die gegenwärtige Kirche samt dem massiven Turm ist vom Kloster unter Abt Gilbert im Jahre 1785 ganz neu erbaut worden. Die Kirche trägt den Chorinthischen Baustil an sich. Die Länge beträgt 105’ Fuß, die Breite 42’ und Höhe 40’. Der Chor hat 34’, das Schiff 71’. In der Kirche befinden sich drei Altäre. Der Chor- oder Hochalter wurde von Herrn Pfarrer Leinfelder im Jahre 1839 durch Sammlung bei Wohltätern neu erbaut. Der Hauptaltar ist an die Kirchenmauer angelehnt, stellt chorinthischen Baustil vor mit zwei herrlichen Säulen, vortrefflich marmoriert, zur rechten Seite steht der Prophet Jeremias, zur linken der Prophet Isaias in Lebensgröße auf Alabasterart gefasst. Das Altarblatt stellt die Kreuzabnahme mit schöner, breiter Goldrahme vor. Das Antipendium mit dem unteren und oberen Tabernakel stehen frei. In dem unteren ist das Saktissimum im Ziborium ausgesetzt, obere stellt einen altertümlichen Tempel vor, der in der Höhe 4’, im unteren Durchschnitt 4’ 6“ hat. Dieses kronenartige Rondell wird von sieben, in Gold gefassten Säulen getragen. Ober dieser Krone ist in Alabaster gefasst, das Lamm Gottes auf dem Buche des Lebens mit 7 Siegel ruhend. Unten in demselben ist in der Mitte noch ein kleiner Tabernakel, wo an höchsten Festtagen das Saktissimum in der Monstranz hingestellt wird; außer dieser Zeit ein gutgetroffenes Kruzifix sich alldort befindet. Zur Seite rechts u. links der oberen Tabernakel kniet in demutsvoller Anbetung ein Seraphim in Lebensgröße, in Alabaster gefasst. Die Fassung des ganzen Altares ist von dem Fassmaler sehr gut gelungen dargestellt, so dass man glauben könnte, man hätte den Marmor von Natur vor sich. Die zwei Seiten- oder Nebenaltäre mit je zwei Marmorsäulen haben als Altarbilder: links, die unbefleckte Empfängnis, rechts den hl. Josef mit dem Jesuskind auf den Armen, je mit einer ovalen Goldrahme. Der Marmor von beiden Altären, wie auch von der Kanzel ist auf eine angenehme, sanfte Art entworfen.“

Der Kirchturm wurde gleichzeitig mit der Kirche 1785 neu gebaut. Die Bedachung war ein schöner Zwiebelhelm. Leider wurde im Jahre 1862 dieses Dach abgenommen und durch den jetzigen, stilwidrigen Spitzhelm ersetzt, jedoch nicht aus Schuld des Pfarrers, sondern des staatl. Bauamtes, wie man sagte aus „Sparsamkeitsgründen“. Im Jahre 1879 fuhr bei einem heftigen Gewitter ein Blitzstrahl am Turmkreuz herunter, zersplitterte das Dachgebälk, fuhr an den Drähten des Uhrschlagwerkes bis zum Kirchenboden, wo er sich teilte und dann in den Chor fuhr, wo er noch die Umrahmungsleisten an der Kreuzigungsgruppe über dem Hochaltar schwärzte und am linken Chorstuhl einige Splitter abriß. Das Dachgebälk des Turmes musste teilweise erneuert werden.
Doch nicht genug damit – kurz darauf ereignete sich ein weiterer Schadensfall:
Im Jahre 1883 wurde die Nachlässigkeit begangen, den eingedrungenen Schnee auf dem Kirchenboden anzuhäufen, statt diesen unverzüglich zu entfernen. Dies hatte zur Folge, dass der Schnee zu Wasser wurde, welches in die Decke eindrang und diese durchweichte, sodaß ein großer Fleck aus dem Deckengemälde im Chor herabfiel. Die Decke musste abgenommen werden und das alte Bild wurde vom Mahler Stehle aus Krumbach wieder neu aufgemalt, doch hat es nicht mehr annähernd die Farbenpracht wie das Original von Konrad Huber.
 
Zwischenzeitlich wurde die Pfarrkirche in äußerst unglücklicher Weise romanisiert. Pfarrer Karl Borromäus Schmid (Pfarrer von 1861-1874) hatte versucht, um das Jahr 1870 die Kirche, die zweifellos restaurationsbedürftig war, zu restaurieren, jedoch leider ohne Zuhilfenahme von Sachverständigen, weshalb die Restauration so unglücklich ausfiel. Er ließ die beiden Seitenchörlein zumauern und auf diese Flächen zwei Bilder anbringen, welche jedoch keinen besonderen Kunstwert hatten. Ebenso entfernte er die drei Altäre und tauschte sie aus. Über dem Hochaltar wurde eine Kreuzigungsgruppe angebracht; das wertvolle Gemälde mit der Kreuzabnahme von Konrad Huber wurde auf den Pfarrhofboden gebracht. Ebenso verhielt es sich mit den Seitenaltarbildern – auch diese wurden ausgetauscht, die alten Bilder wurden fortan unter der Emporenstiege aufbewahrt. Betrogen wurde der gute Pfarrer, wie sich später herausstellte, von allen Seiten – beim Material wie auch bei den Kosten. Zum Glück ging ihm das Geld aus, sonst wäre auch die schöne Kanzel noch ein Opfer dieser verunglückten Restauration geworden. Ein Bild, aufgenommen um das Jahr 1930 dokumentiert den Stilbruch in der damaligen Pfarrkirche. Der Dorfchronist schreibt über seine Kirche in der damaligen Zeit: „So steht der herrliche Bau nun da, wie eine Figur in ärmlichster Kleidung, heute vielfach mehr erneuerungsbedürftig wie damals.“

Das Geläute im Turm
Das älteste Geläute waren 3 Glocken: Als größere die St. Franziskus-Glocke, 8 Ztr. Schwer (gegossen 1753 und somit schon im Turm der alten Pfarrkirche hängend) eine St. Anastasia-Glocke, 6 Ztr. schwer und eine dritte deren Name nicht mehr bekannt ist. Sie zersprang um das Jahr 1870, von dort an wurde nur noch mit 2 Glocken geläutet. Im Jahre 1881 wurde durch den Einsatz des Pfarrers Eisele das Geläute erneuert. Es wurde eine neue große Glocke, dem Hl. Kreuz geweiht und zwei kleinere gekauft. Die St. Franziskus-Glocke wurde beibehalten. Im 1. Weltkrieg mussten die zwei kleinen Glocken abgegeben werden. Im Jahre 1925 beschaffte sich die bürgerliche Gemeinde zwei Ersatzglocken – eine Marienglocke mit 15 Zentnern und eine St. Urbansglocke mit 3 Zentnern.
 
Im Jahre 1942 mußten, mit Ausnahme der alten St. Franziskusglocke, alle Glocken abgenommen werden, zur Einschmelzung, um Metall einzusparen zur zusätzlichen Freisetzung von Metallen für die Kriegsbewaffnung. Um das Schlagwerk zu erhalten wurde das Glöcklein vom Gutshof „Waldhausen“ geholt. Im Jahre 1948 wurde in einer Gemeindeversammlung die „beschleunigte Beschaffung“ eines neuen Geläutes beschlossen.

Am 17.11.1949 wurde das entliehende Glöcklein und die St. Franziskusglocke abgenommen. Von letzterer Abschied zu nehmen fiel den Breitenthalern äußerst schwer. Nach 200 Jahren wurde sie aus ihrem Dienst enthoben – zwei Weltkriege nahmen Rücksicht auf ihr ehrwürdiges Alter. Viele hätten es gerne gesehen, wenn sie im Dorf verblieben wäre – sie wurde jedoch weggegeben. Böse Zungen behaupteten damals sie wurde „um 30 Silberlinge verkauft“.
Am 20.11.1949 folgte die feierliche Weihe der neubeschafften Glocken. Diese sind: als kleinste die St. Urbansglocke, klingend in b, die St. Josefsglocke, klingend in g, die Marienglocke, klingend in f und als größte die Hl. Kreuzglocke, klingend in d. Im Jahre 1980 verstummte die große Glocke infolge eines Risses, da der Klöppel zu tief am unteren Ende anschlug. Da durch den Riss hörbare klangliche Veränderungen eintraten und die Gefahr einer weiteren Beschädigung bestand, entschloß man sich zum Kauf einer neuen Glocke. Diese wurde am 12. April 1982 durch Weihbischof Manfred Müller geweiht. Wenige Tage später wurde die Glocke mit Hilfe eines Flaschenzuges auf den Turm gebracht. Allen die hier dabei waren, wird es unvergesslich bleiben, wie der Breitenthaler Johann Föhr auf zwei Holzbrettern, ungesichert in dieser schwindelerregenden Höhe, aus dem Kirchturm kroch, um das Einbringen der Glocke durch das Schallfenster vorzubereiten.


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Kleinere und größere Kriminalitäten
Leider waren in und bei der Breitenthaler Kirche auch schon Frevlerhände am Werk, jedoch glücklicherweise sehr vereinzelt, was der Kirche auch nicht negativ geschadet hat. Die wohl bekannteste kriminelle Handlung war der legendäre Raub der Kreuzreliquie im Jahre 1676. Mehrere Wochen war die Kostbarkeit verschollen. Die Täter konnten jedoch gefasst werden, welche das Schmuckstück in einem Gebüsch bei Nattenhausen versteckt hatten. Am 29. Mai 1676 wurde es in feierlicher Prozession wieder an seinen eigentlichen Ort übertragen.

Im Jahre 1872 waren wieder Einbrecher am Werk. Sie drangen durch das südliche Chorfenster ein, in dem sie den Totenschragen an die Wand stellten. Sie bohrten ein Loch, kinderhandgroß, in den Tabernakel, konnten aber das Ziborium nicht erreichen. Durch heimkehrende Wirtshausbesucher, denen die Helle in der Kirche auffiel, wurden sie verscheucht. Die Tabernakeltürchen mussten jedoch neu gemacht werden.
Ein anderes Mal glückte ein Diebstahl. Täter hierbei war, wie sich später herausstellte, süffisanterweise der Mesner, der die Glockenseile vor Turm gestohlen hatte und für Befestigungszwecke benutzte. Eine vergleichsweise harmlose Missetat.

Das wohl mysteriöseste Verbrechen datiert aus dem Jahr 1900. In diesem Jahr wurde auf Anraten des Bezirksamtmannes der Friedhof um stellenweise einen Meter tiefergelegt, da die Kirche sehr an Feuchtigkeit litt. Bei den Abgrabungsarbeiten fanden Arbeiter im hinteren, nördlichen Teil des Friedhofes eine Leiche, die höchst auffallend begraben war. Ein Sarg war nicht zu finden, trotzdem die Leiche kaum ganz verwest war. Der Körper wurde in sitzender Stellung unter dem Weg verscharrt. Der Schädel wies einen Hieb von einem Beil auf. Die Leiche war, nach Untersuchungen, die eines jungen Menschen von 16-18 Jahren. Da niemand vermisst gemeldet wurde, muß angenommen werden, dass fahrende Leute (Zigeuner) vielleicht im Streit einen Genossen erschlugen und die einsame Lage des Friedhofs benützend, die Leiche hier vergruben. Zudem erinnerte sich der damalige Gebetläuter, dass im vorherigen Winter, als er sich bei Dunkelheit zum Gebetläuten begab, ein unbekannter Mann plötzlich über die Friedhofsmauer sprang und durch den Pfarrgarten davonlief. Als dieser Fund auch an amtlicher Stelle bekannt wurde, hat sich die Gendarmerie bemüht eine Aufklärung herbeizuführen, jedoch ohne Erfolg.

Auch im Jahre 1942 ging es in Breitenthal sehr hitzig zu. Im Januar wurden auf Befehl der NSDAP die Glocken vom Turm abgenommen und für Zwecke der Munitionsproduktion eingeschmolzen zu werden. Dies führte zu erbitterten Protesten in der Bevölkerung. Junge „Burschen“ aus dem Dorf organisierten am Abend des 12. Januar und am Morgen des 13. Januar ein einstündiges „Abschliedläuten“ aus Protest gegen diese Anordnung.

Als die Glocken abgenommen waren und zum Abtransport bereit standen wurden an den Gummiwagen auf denen die Glocken standen, die Reifen zerstochen, um das Abtransportieren zu verhindern. In der damaligen Zeit stand es um die Beschaffung von solchen Wagen sehr schlecht – nicht einmal die Gemeinde besaß einen solchen. Zwei dringend Tatverdächtige wurden am 9. Februar 1942 einstweilen für mehr als einen Monat in Polizeihaft gebracht. Bei dem anschließenden Prozess wurden die beiden Personen jedoch freigesprochen, da kein Nachweis für eine Täterschaft erbracht werden konnte.